Freitag, 11. November 2011

60 Mal "never-ending energy". 5 Tage lang.

Es ist noch Ferienzeit, nach einer Woche Festival sind unsere Kinder aus ihren Familien zurückgekehrt. Es ist ein warmer Montagmittag Mitte Oktober. Und es liegt etwas in der Luft, die Hausdamen und –herren machen sich bereit für den großen Besuch. Ein Schwirren und Wuseln. Ich frage mich, wer hier letztlich herausgeputzter wirkt: das frischgefegte Hostel oder unsere Mädels, die ganz entzückt von dem Gedanken sind, dass Männerbesuch ins Haus steht. Da ist es auch schon soweit: Auf der Ladefläche eines kleinen Transporters erreicht uns die erste Fuhre Kinder, 15 quirlige Kleine aus dem anderen Hostel in Duglapura. Ein lautes Hallo, Geschwisterkinder fallen sich in die Arme, andere halten sich noch etwas scheu im Hintergrund. Wenig später treffen auch die „Bhootanahalli-Boys“ ein, 15 coole Kerle aus dem dritten VIKASANA-Hostel, die in den kommenden Tagen den Laden einmal ordentlich aufmischen werden. 

Nach dieser herzlichen Begrüßung finden sich alle zusammen, nun ganz ordentlich und in Reihe und Glied. Shruthi eröffnet gemeinsam mit den in dieser Woche anwesenden vier Lehrerinnen und den drei Akkas, Hylary, Anni und mir, das Programm: Herzlich willkommen zu unserem Chattanahalli Summer Camp, zur „Creative education week“!

Auf der Agenda stehen neben morgendlichem Yoga  auch diverse Classes: Musik- und Zeichenunterricht, Kannada mit den Lehrerinnen und Englisch mit uns Akkas. Wir versuchen in den wenigen Tagen einige Basics zu vermitteln, spielerisch nähern wir uns Themen wie „Meeting friends“, „Me and my family“ und „Feelings“.


Mit Stolz erkennen wir, wie vergleichbar fortgeschritten das Englisch unserer Chattanahalli-Kinder ist, freuen uns jedoch gleichermaßen, dass auch unsere interessierten Besucher etwas von den spaßigen Übungen mitnehmen können.

Dann wird es auch schon Zeit, zu Mittag zu essen, bevor es mit dem Nachmittagsprogramm weitergeht. Das Gebet, das die 60 hungrigen Kinder aus vollem Herzen sprechen, muss –so glaube ich- noch in kilometerweiter Ferne zu hören sein. 


Gesättigt und glücklich geht es weiter mit dem gruppenweisen Herstellen kreativer Unterrichtsmaterialien. Es wird gemalt und gebastelt, genäht und modelliert, geschrieben und geschnipselt.


Schließlich ist es genug der Arbeit. Am späten Nachmittag wartet Spiel und Spaß, auch einige ganz besondere Überraschungen. Neben einer ordentlichen Partie Kricket, die hier in Indien natürlich nie fehlen darf, zaubert eine Runde „Mensch, ärgere dich nicht“ in Lebensgröße Begeisterung in die Kindergesichter. In vier Teams treten je drei Läufer auf das Spielfeld, folgen der Augenzahl des großen Würfels und schicken voller Schadenfreude ihre Konkurrenten zurück auf die Startposition. 


 


Nicht genug mit den guten alten Spielen aus Deutschland, an einem anderen Tag raten und rennen jene Gruppen um die Wette, in einer echten Schnitzeljagd. Trotz der vielen Rätsel ist der Schatz schnell gefunden, eine Menge Süßes und einige Spiele werden aber natürlich von allen geteilt.






Auch abends erwartet unsere Bagage jede Menge Unterhaltung: Einmal steht Kino auf dem Plan, wir zeigen „Slumdog Millionaire“, es gibt Bananenchips anstatt Popcorn. Ein Anderer ist voll Quizfragen und eifrigem Rätseln. Am letzten gemeinsamen Abend schließt eine Talentshow, ein kunterbuntes kulturelles Programm voll Tanz, Gesang und Theater, die Woche ab.
 Auch wir bemühen uns, zu den uns inzwischen so vertrauten Klängen auf die indische Art zu tanzen, mehr schlecht als recht. Aber immerhin. „Yeh mera India, I love my India!“  Der krönende Abschluss ist ein Tanz für alle: die Musik dröhnt, wir hüpfen zwischen all den Talenten auf und ab, es tanzt der ganze Raum.

Bevor unsere Gäste am Freitagvormittag ihren Heimweg antreten, präsentiert jede Gruppe noch stolz ihre hergestellten Materialien. Es ist wirklich alles dabei, Infoposter über Karnatakas Poeten, eine Styroporlandschaft zum Erlernen der Verkehrsregeln, ein Ganesha aus Lehm, Stelzen aus Kokosnusshälften und unsere Sockenpuppen. Ganz nach dem Motto „creative education“ eben!




Donnerstag, 3. November 2011

Ein Wochenende verkehrte Welt

Unser geliebtes Hostel hier in Chattanahalli ist ruhig, die Luft ist frisch, der Blick vom Dach auf die Berge ist wundervoll. Vor einigen Wochen erwartet uns jedoch genau das Gegenteil - Bangalore.

Die erste Hürde, die zu schaffen war: wie kommen wir aus unserem abgelegenen Dörfchen zur nächsten Bushaltestelle?
Letztlich war das Transportmittel ein Eiswagen, in dem 6Mädels, unsere beiden Mentorinnen, zwei weitere Lehrerinnen und wir, eng aneinander gekuschelt durchgeschüttelt wurden. Da fiel es nicht allzu schwer, auf die mitfahrenden Leckereien zu verzichten.

Um 5 Uhr morgens kommen wir schließlich nach einer langen huppeligen Busfahrt, sozusagen einer full body massage, in der NGO „Vidyanikethan“ in Bangalore an, um dort zu erfahren, dass unsere Reise noch nicht zu Ende sei und der Workshop für die Herstellung von Unterrichtsmaterialien, an dem wir teilnehmen sollten, im 40 km entfernten Hossur stattfinden würde.


Mit Keksen im Gepäck geht’s also wieder los und zwar in einem, wie sollte es auch anders sein, völlig überfüllten Jeep. Wir haben generell immer was zu Naschen dabei, da man bei den sich andauernd ändernden Plänen schon mal mit längeren Wartezeiten zu rechnen hat -sprich mehrere Stunden. Doch wer sagt’s denn, ganz aktiv haben wir diese Zeit in Bangalore genutzt: durch die Entdeckung einer liebenswürdigen und fortpflanzungsfreudigen Lausfamilie auf Jos Kopf.

Freudige Rufe bei jeder gefundenen und wenig später vernichteten Laus -„Kill, Jo, Kill“- machen das zu einer sehr amüsanten Angelegenheit. Komischerweise sind auf meinem Kopf nichts zu entdecken, obwohl wir der festen Überzeugung sind, dass diese verflixten Dinger eigentlich eine sich fröhlich austauschende Familie auf beiden unserer Köpfe gründen müssten –wo doch sowieso hier auf jedem anderen Kopf diese kleinen Tierchen tanzen. Naja, nachdem Jo es auch schon mit einer rotäugigen Ratte aufnehmen musste, die sich eines Nachts über die übriggebliebenen Chapatti auf unserem Nachttisch  hergemachte, wird das wohl kaum ein Problem sein. Ehrlichgesagt ist sie fast schon etwas zu beneiden, da unsere Kinder gekonnt alle paar Tage eine Entlausung vornehmen, zu vergleichen mit einer sechshändigen Kopfmassage.

So wieder zurück nach Bangalore. Bevor es tatsächlich losgeht machen wir noch ein Stopp im „Puppenhaus“- so haben wir uns zumindest gefühlt, als wir zwischen dem extra für das Desara Festival arrangierten Spektakel abgelichtet wurden.


Letztendlich, am Ort des Geschehens, in dem Hostel in Hossur angekommen, waren wir doch etwas erstaunt über die zwölf Damen, die allesamt wie es aussah die Teamer für ausschließlich uns sechs Teilnehmer waren. 

Wir lernten wie man aus den gewöhnlichsten Gegenständen, wie zum Beispiel Kokosnüssen, Unterrichtmaterial herstellen kann, erhielten einen Einblick in die Dokumentationsarbeit des Kinderheims, wie durch regelmäßige Verhaltensanalysen die Kinder optimal gefördert werden können und bekamen Lernspiele vorgestellt, die wir dann mit vollem Körpereinsatz üben durften. Als es dann jedoch daran ging ein Spiel von unserer Seite beizutragen und wir Big Fat Pony anfingen zu singen und zu tanzen, machten nur manche ganz mutig mit, während der Rest sich kichernd zurückgezogen hatte.

Nach einem anstrengenden Tag übernachteten wir allesamt bei der Schwester unserer lieben Bridge School Lehrerin Roopa. Die Gastfreundschaft hier in Indien ist rührend, die dreiköpfige Familie empfing uns sechs Damen ohne zu zögern herzlich in ihrem 2-Zimmer-Heim, bekocht uns mit indischen Leckereien und stellt ohne Widerrede das Schlafzimmer ihrer winzig kleinen Wohnung bereit. Obwohl wir uns mittlerweile an das gelegentliche auf dem Boden übernachten gewöhnt haben, müssen die „Foreigners“ natürlich im einzigen Bett des Hause schlafen.

Gestärkt von einem wie immer leckeren Frühstück geht es zurück in das Kinderheim. Von der liebenswerten Koordinatorin bekommen wir genaueres über die Arbeit der NGO mitgeteilt: Der Name „Vidyanikethan“ bedeutet Licht bringen. So versucht die NGO Licht in das Leben von Müttern, die ihr Geld durch Prostitution verdienen, und ihren Kinder zu bringen. In Indien verdient eine Prostituierte zwischen 100 und 150 Rupie, das sind keine drei Euro. Oftmals ist ihrs Situation ausweglos: Entweder in jungen Jahren dazu gezwungen, nicht ausgebildet oder inzwischen geschieden und damit aus der Gesellschaft ausgeschlossen bleibt ihnen oftmals keine andere Wahl, als ihren Körper zu verkaufen. Um ihren Kindern das Aufwachsen in einer sicheren Umgebung zu ermöglichen, nimmt die NGO diese in ihren Heim auf, sorgt dafür, dass sie eine Schulbildung bekommen und hilft den Älteren dabei, eine Berufsperspektive für ihr Zukunft zu entwickeln. Die Mütter werden ebenfalls unterstützt, Möglichkeiten werden ihnen aufgezeigt (doch meist nicht befolgt) und Aufklärung und Gesundheitsbewusstsein wird vermittelt.


Wir hatten zwei sehr interessante Tage in Hossur voller neuer Eindrücke, die uns wie immer viel zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Doch zuerst steht nun doch noch ein vollgepackter Tag in Bangalore bevor. 


Wir hatten einen straffen Sightseeingplan auf die Beine gestellt. Doch da uns ein Fahrer zur Verfügung gestellt worden war, dürfte es wohl kein Problem sein, all die Orte an einem einzigen Tag abzuklappern. Erste Station: National Park. Eine Fahrt, die eigentlich 15 Minuten dauern sollte, zog  sich ins unendliche, da unser „netter“ Fahrer anscheinend der Meinung war, der National Park befinde sich in der Stadt. Gut. Dem war nicht so. Wenn man jedoch einmal in der überwältigend großen Stadt drin ist, wird ein schnelles Entkommen fast unmöglich.
Deshalb ließen wir Bangalore erst mal durch die Autoscheibe auf uns einwirken: Wolkenkratzer, chaotischer Verkehr und Menschenmassen. 
Doch vor allem verschmutzte Luft, sodass wir wie Verbrecher in unsere Schals eingewickelt, in den wie es aussah, immer grauen Himmel blickten.

Letztendlich kamen wir an dem natürlich montags geschlossenen National Park an. Na gut, dann geht’s eben wieder zurück in die Stadt. Nach einem weiteren Umweg und einem Strafzettel später bekam der gute Fahrer von uns dann insgeheim den Spitznamen „DD“, ganz nach dem Geschmack des Abkürzungen liebenden Indiens, Dull Driver.

Nach dem Besuch einer für unseren Geschmack doch schon sehr kitschigen, aber trotzdem schönen Kirche ist es auch schon ziemlich spät, sodass wir uns zu Fuß auf die Suche nach einem Hotel, sprich Restaurant machen. 

Ok, dann los. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll, so viele Autos, Menschen, Lärm. Eine Rikscha saust an uns vorbei. Ups, wir stehen ja mitten auf einer Kreuzung – Überforderung - der Einzige weg schien Augen zu und durch zu sein. Jo nimmt mich an der Hand und wir überqueren verwirrt die Straße zu unseren sechs ungeduldig wartenden Inderdamen, die gar nicht verstehen, wo denn das Problem liegt. 


Nach einer nicht ganz so gemütlichen Shopping Tour dank der „Time is up, time is up“ Rufe -wenn es den Ladies mal zu lange dauert- und ersten Handelversuchen ist unser Abenteuer auch schon wieder zu Ende. Wir machen uns auf den Weg zurück in unser geliebtes Hostel und werden von strahlenden Kindergesichtern empfangen. Es ist Zeit, durchzuatmen, in den strahlenden Himmel zu schauen und die Ruhe zu genießen nach diesem erreignisreichen Wochenendtrip.

Samstag, 29. Oktober 2011

Von Alltag und anderen Überraschungen

Es ist eine kleine Weile her, seitdem wir etwas von uns haben hören lassen. Doch kein Grund zu glauben, es gäbe nichts zu berichten aus unserem neuen Leben hier. Ganz im Gegenteil wissen wir manchmal gar nicht, wie wir all die Eindrücke und Erlebnisse in Gedanken und Worte fassen sollen, wie wir euch an all dem teilhaben lassen können, was uns in jedem Moment in Staunen und Begeisterung versetzt, uns glücklich macht und uns erkennen lässt, genau hier genau richtig zu sein. Aber nun ist es soweit, ich wage den Versuch, all das zusammenzutragen und euch für einige Augenblicke in unser wunderbares Hostelleben zu entführen...
Wie sieht so ein Tag aus, als große Schwester 41 entzückender kleiner und großer Wirbelwindkinder? Meist kunterbunt und fröhlich, oft chaotisch und voller Überraschungen. Im Grunde gibt es natürlich einen festen Tagesplan, nur wenn es etwas gibt, dass uns unsere ersten zwei Monate im Projekt gelehrt haben, dann das: In Indien mag es zwar einen Plan geben, aber nur, um später zu erkennen, dass doch alles ganz anders kommt. 

So begannen unsere Tage im September pünktlich um 6 Uhr morgens mit lauten Rufen und Getrappel der Kleineren, die mit uns im ersten Stock residieren. An Schlaf war dann kaum noch zu denken. Spätestens um halb 9, wenn alle anderen mit dem morgendlichen Yoga, ihren Hausaufgaben und der Wäsche fertig sind, schaffen auch wir es dem Klopfen und den Rufen nach „Anni Akka, Jo Akka, Tindi ke bani!“ nachzugeben und die Tür zu öffnen. Wenige Augeneblicke spätersitzen wir auch in der Dining Hall, vor uns das über der Feuerstelle zubereitete Frühstück.


Wenn sich dann langsam gegen halb 10 Uhr die Kinder auf den Weg in Ihre Schulen machen, entweder zu Fuß, auf dem Fahrrad, mit dem Bus oder auf der Ladefläche eines kleinen Gemüsetransporters zwischen Kokosnüssen und Maiskolben, geht es für uns ans Eingemachte:

Entweder nehmen wir den Kampf mit der Ameisenfamilie auf, die sich über Nacht über unsere leckeren Kekse hergemacht  hat, oder wagen uns an drei volle Eimer schmutziger Wäsche, die sich hier –das versteht sich von selbst- mit der Hand, Seife und einer kleinen Bürste reinigen lässt. Auf dem Weg zur Wäscheleine erwartet uns die nächste tierische Überraschung, eine ungeheuer große Schar Libellen, die gerade in der Paarungszeit wie verrückt umherschwirren. Wir –ganz Tierfreunde geworden- nehmen es gelassen und hängen unsere Wäsche an eine andere Leine, die zwischen zwei Mangobäumen gespannt ist. Zur Erfrischung gibt es eine selbstgepflückte Papaja aus dem eigenen Garten oder einen Kaffe, der uns an deutschen Latte Macchiato erinnert und den wir stets in Gesellschaft unserer Lehrerinnen genießen. Mamatha und Roopa möchten keine Gelegenheit missen, um unser Kannada zu verbessern. „Washing sakka? Susto? Ah, Coffee beka? Chenagidivi!“ 

Zurück in unserem Zimmer und die frischgewaschene Unterwäsche auf der geheimen Leine in unserem Bad wissend, lassen wir uns auf die Betten fallen, den Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, die von zahlreichen Ideen in Form bunter Zettel geziert ist. Im Laufe der Zeit haben wir aus dem Zimmer ganz unser Zuhause gemacht: Nicht nur durch die Fotos unserer Liebsten, die gleich neben dem Kopfkissen hängen. Auch der großen Indienkarte an der anderen Wand haben wir eine ganz persönliche Note gegeben: Alle Orte, die wir während unserer Zeit hier besuchen, werden durch einen Bindi, der im Hinduismus eigentlich als drittes Auge auf der Stirn ein absolutes Muss ist, markiert.

Manchmal darf auch ein Skypetelefonat nach Hause nicht fehlen...
An manchen Tagen erwartet uns wenig später eine abenteuerliche Tour nach Tarikere, unser kleines 12 km entferntes Städtchen. Auf dem Weg dorthin, in einer meist hoffnungslos überfüllten Rikscha bietet sich immer wieder die Gelegenheit, unseren neugierigen Mitfahrern zu erklären, wer wir „Foreigners“ denn eigentlich sind und woher wir kommen. „Nana hessaru Jo, nana uru Germany. Working for VIKASANA samaste Tarikere. Chenagidirah?“. 20 Minuten später und schlappe 20 Rupee, weniger als 50 cent, ärmer erreichen wir die lebhafte Hauptstraße, entschließen uns erst einmal das Material für unsere neuen indischen Outfits zum Schneider zu bringen, bevor wir ein leckeres Mittagessen oder einen frischgepressten Ananassaft in unserem liebsten Snackladen zu uns nehmen. Nachdem wir uns mit den nötigen Keksvorräten und kiloweise frischem Obst und Gemüse für weniger als zwei Euro eingedeckt haben, geht es noch einmal ins Office der NGO, auf einen Chai mit unserem Direktor Sir, manchmal wird konstruktiv geplant, manchmal nur ein bisschen geklönt. Auf den Heimweg machen wir uns dann in Gesellschaft von mehreren Kilo Reis und Milch, die von dem Fahrer Gopi ins Hostel gebracht werden. Bei rasanter Fahrt durch den ohnehin undurchschaubaren indischen Verkehr genießen wir den kühlen Fahrtwind und die dröhnende Musik, ein Mix aus westlichen Popsongs und indischen Gesangskünsten, lassen unseren Blick aus dem Fenster schweifen.


Es geht vorbei an Maisfeldern, Kokosnusspalmen und Bananenplantagen, unsere Gedanken tanzen in mitten dieser wunderschönen Szenerie. Da reißt uns eine laute Melodie aus den Tagträumen, die ankündigt, dass der Rückwärtsgang eingelegt wurde – Ja, nicht genug damit, dass jeder immer und überall lautstark Songs auf seinem Handy abspielt, überall laut gehupt und gerufen wird, auch der Rückwärtsgang verfügt über sein ganz eigenes Geräusch. 

Ankommen. Freudige Rufe, auf uns zueilende Kinder, die es gerade aus der Schule zurück kaum erwarten können, mit Anni Gummitwist zu hüpfen oder mit mir Mysore Monkey –das deutsche Schweinchen in der Mitte- zu spielen. Nach der Playtime warten jede Menge Studies auf unsere kleinen Schützlinge, die in den letzten beiden Septemberwochen täglich ein Examen zu bewältigen hatten. Wir staunen nur über die Disziplin und den Arbeitseifer dieser Kinder, die nach dem Snack um 6 Uhr erneut über ihren Büchern büffeln. Doch dann ist es soweit, die Exams geschafft stehen die Ferien vor der Tür. 


Und wie es der Zufall hier immer wieder so will, fällt der letzte Schultag auf den Geburtstag unserer lieben Shruthi. Ein Tag, der mit einer Überraschungsfunction für Shruthi beginnt,  während der wir unsere selbstgebastelte Geburtstagskrone und ein euch bestimmt bekanntes, hier aber vollkommen neues Ritual einführen.  Während alle anderen lauthals ein freudiges Ständchen trällern, lassen wir das gekrönte Geburtstagskind hochleben. Ein unglaublicher Spaß, der ab sofort Teil eines jeden Geburtstags in Chattanahalli sein wird. Nicht genug der Überraschungen, am Abend erwartet uns eine uns gewidmete Welcome function, eine Zeremonie, die von den Kindern geplant viele beeindruckende Tänze und kleine Theaterstücke enthält und uns einmal mehr zeigt, wie willkommen wir hier sind.


Die Zeit verfliegt, es beginnen die Ferien. Am zweiten Oktober ist Gandhi Jayanthi, der Geburtstag des Nationalhelden Indiens. Uns erwartet an diesem Tag die erste Begegnung mit den Eltern und Familienmitgliedern unserer Liebsten. Nach einem interessanten Elternabend heißt es Abschied nehmen. Nach nicht einmal einem Monat hier macht es uns schon so traurig, unsere Kleinen für die Desarafesttage gehen zu lassen, dass wir uns gar nicht ausmalen möchten, wie schwer uns ein endgültiges Adieu fallen mag. 

In der kommenden Woche fühlt sich das Zusammensein mit den verbleibenden Kindern dafür umso vertrauter an: Unsere kleine Ferienfamilie verlebt schöne Tage, morgendliches Yoga auf dem Dach, viele Spiele, einmal gibt es sogar selbstgemachte Pommes. Nachmittags fliegen bunte Sandbälle in den strahlend blauen Himmel, neben mir lacht glucksend ein Kind über ein selbstgemaltes Kreidebild, in meinem Arm schmiegt sich ein Anderes ganz fest an mich, in seiner Hand ein frischgeknüpftes Scubidouband. Das Glück wohnt mitten unter uns.


Doch was wäre Indien ohne seine religiösen Feste und Feierlichkeiten?  Unsere erste Begegnungen mit den farbenfrohen Hindufesten: Pooja und Vijayadashami. 

Aber der Reihe nach, Pooja, der hinduistischen Variante des christlichen Segens, ist ein ganzer Tag gewidmet. Im Rahmen des Desarafestes machen wird also am Morgen eines wunderschön sonnigen Oktobertages alles bereit für die Hostelzeremonie.

Es wird gewuselt und geputzt, wenig später schmücken Blumen alle hosteleigenen elektronischen Geräte und Fortbewegungs-mittel. Dann geht es los, Roopa Miss und die Kinder segnen mit roter und gelber Farbe alles, was Ihnen in die Finger kommt. 
Wir staunen nicht schlecht, als wenig später bunte Punkte und Blüten sogar unsere Laptops zieren. Als selbst die Kühe –zwar weder elektronisch, noch der Fortbewegung zweckmäßig, aber eben grundsätzlich immer heilig- unseren Segen haben, gibt es Festtagsfrühstück, bevor wir uns das erste Mal ganz alleine mit unseren kleinen Schützlingen auf ins nahegelegene Chattanahalli machen, um der Einladung unser neugewonnenen Tantchenfreundinnen zu folgen. 


So finden wir uns wenig später in einem kleinen Wohn-Schlaf-Esszimmer wieder, auf unserem Schoß ein Teller voller Köstlichkeiten. Ein Blick in die Gesichter unserer Kinder füllt mein Herz mit Glück und Freude. Freude darüber, dass unsere Aunty hier keinen Unterschied zwischen den low-caste-Kindern und den weißhäutigen Foreigners macht und allen die Teller mit demselben Essen füllt, alle satt und glücklich machen möchte. Auf dem Heimweg halten wir uns die vollen Bäuche, hüpfen Hand in Hand die Straße entlang und singen laut „If you’re happy and you know it.“ 


Am darauffolgenden Tag machen wir uns am späten Nachmittag wieder auf nach Chattanahalli, um der dorfeigenen Yijayadashami-Zeremonie  beizuwohnen.
Die Sonne steht bereits tief, als sich alle auf dem erdigen Grund zusammenfinden, um dem faszinierenden Spektakel zuzusehen: Ein gegeißelt wirkender Mann taumelt durch die Menge, ihm soll Gott innewohnen. Als er schließlich mit einem entzündeten Pfeil eine Bananenstaude trifft, ertönen laute Rufe der Begeisterung. Es gehen junge Männer zu den Schaulustigen, verteilen Bananen und Körner aller Art.


Unsere Hände voller gesegneter Gaben fällt Shruthi plötzlich auf, dass einer der Kinder den Hostelschlüssel auf dem Weg verloren haben muss. Nach einer erfolglosen Suche auf dem Heimweg versuchen wir die Vorhängeschlösser mit Steinen zu zertrümmern, während Anni in der Abenddämmerung verbrechermäßig über eine wackelige Bambusleiter in den Innenhof einsteigt, um wenigstens die Küche zugängig zu machen. Hauptsache ein warmes Abendessen, dann eine geruhsame Nacht im oberen Stock, zu dem wir unseren eignen Schlüssel glücklicherweise nicht aus der Hand gegeben hatten. Am nächsten Morgen klopfen wir so lange auf das Schloss ein, bis es der groben Gewalt nachgibt und den jubelnden Bewohnern Zutritt zu ihrem Zuhause verschafft. …nice try, India!

Was gibt es sonst noch zu berichten? 

In der Zwischenzeit haben wir auch ein Wochenende mit der Familie unseres Direktor Sirs verbracht: ein sonntäglicher Besuch der christlich-katholischen Messe, deren Gemeinde lautstark zu den Orgelklängen eines kitschig klingenden Keyboards das Vater unser anstimmt, ein Spaziergang durch das hauseigene Jungelparadies, Sternfrüchte und Datteln frisch vom Baum gepflückt, betörend gutes Essen, Familienfotos und Gespräche mit dem sonst so geschäftigen Sir in entspannter Manier und eine Longa, einen karierten Wickelrock für Männer, tragend. 


Und da hätte ich doch fast vergessen, das absolute Highlight für unsere Kinder zu erwähnen. Nach einem langen Tag in Tarikere werden wir ganz spontan in Chattanahalli abgesetzt, es soll ein Dorffest geben, auf dem unsere talentierten Tanzmäuse auftreten. Es ist schon dunkel, wir tappen durch die verlassenen Gässchen unseres Dörfchens, folgen der Musik und den begeisterten Rufen bis zum Festplatz. Unsere Mädels schwingen gerade zu einem fetzigen Kannadasong die Hüften, als wir uns gerade gesetzt schon gefragt werden, ob wir uns nicht der gesamten Gesellschaft kurz vorstellen wollten. Einen Augenblick später stehen wir vor der versammelten Meute, im Scheinwerferlicht surren uns Moskitos entgegen, laut prasselt der Regen auf das Wellblechdach. Knacks, das Mikrofon gibt ein seltsames Geräusch von sich „Namakara, Nana hessaru Anni, nana hessaru Jo. Nana uru Germany. We work with VIKASANA NGO Tarikere and we live in Chattanahalli Hostel together with this wonderful 41 dancers.” Schon positioniert sich der erste junge Mann mit seiner Handykamera vor uns, es werden Rufe nach einem Gesangsbeitrag laut. „Song, Madame!“ Wir zaubern das deutsche Kindermutmachlied aus dem Ärmel, nach freudigem Applaus gibt es noch eine Zugabe „If you‘re happy and you know it.“ Das Publikum klatscht, stampft und schnippt fleißig mit. Es scheint so, als seien alle happy und wüssten es auch. Ganz so wie wir, die wir in die stolzen Augen unserer Lieblinge blicken und wissen, wie glücklich sie über ihre großen tollen Akkas sind, ohne zu wissen, wie glücklich wir darüber sind, für sie da zu sein!